Im Internet hat Ruprecht Polenz eine bemerkenswerte Karriere hingelegt: vom ehemaligen CDU-Generalsekretär zum hauptberuflichen X-Kommentator – und dort zum Spezialisten für Beiträge, bei denen man sich fragt, ob jemand vor dem Absenden noch einmal darüber nachgedacht hat.

Fast 100.000 Follower lesen inzwischen mit, wenn Polenz zu aktuellen politischen Debatten Stellung nimmt. Und gelegentlich entsteht dabei der Eindruck, dass die schiere Reichweite eines Beitrags mit dessen Qualität verwechselt wird. Wo andere differenzieren, setzt Polenz den digitalen Vorschlaghammer an. Wo andere argumentieren, liefert er Etiketten. Und wo andere nachdenken, scheint bei ihm offenbar bereits der „Posten“-Button zu jucken.

Ruprecht Polenz: Bundesverdienstkreuz für den digitalen Fettnäpfchen-KönigNun gibt es dafür eine besondere Auszeichnung: Ruprecht Polenz erhält das Bundesverdienstkreuz.

In der Begründung heißt es, der mittlerweile 80-Jährige habe „den überwiegenden Teil seines Lebens dem Dienst an der Gesellschaft und dem demokratischen Gemeinwesen gewidmet“. Besonders bemerkenswert ist allerdings die Würdigung seiner Tätigkeit in den sozialen Medien. Polenz „führt den demokratischen Diskurs auch in den sozialen Medien“ und erreiche damit „beeindruckend viele junge Menschen“.

Das ist zumindest eine interessante Interpretation dessen, was auf X gelegentlich unter demokratischem Diskurs verstanden wird.

Polenz fordert regelmäßig ein Verbot der AfD und hat sich damit auf X längst eine eigene Nische geschaffen: Wenn irgendwo eine politische Debatte beginnt, darf man ziemlich sicher damit rechnen, dass Polenz früher oder später auftaucht – bevorzugt mit maximaler moralischer Gewissheit und minimaler Lust an Differenzierung.

Seine Social-Media-Karriere hat dabei durchaus komödiantische Höhepunkte zu bieten. 2020 erhielt Polenz beispielsweise den „Goldenen Blogger“ – obwohl er überhaupt keinen Blog betreibt. Ein bemerkenswerter Erfolg: Man muss offenbar nicht einmal das Medium betreiben, um dafür ausgezeichnet zu werden.

Noch bemerkenswerter sind manche seiner eigenen Beiträge.

Im April dieses Jahres bezeichnete Polenz den CDU-nahen Politikberater Baha Jamous und andere Unterstützer einer unionsgeführten Minderheitsregierung mit AfD-Duldung als „Volksgenossen“. Nachdem die Wortwahl erhebliche Kritik ausgelöst hatte, löschte Polenz den Beitrag und entschuldigte sich: „Diese Wortwahl war falsch.“

Das ist immerhin beruhigend. Der Beitrag war also nicht etwa missverstanden worden – die Wortwahl war schlicht falsch.

Auch im August des vergangenen Jahres lieferte Polenz ein Beispiel dafür, wie man aus einer Statistik über Vornamen von Bürgergeldempfängern möglichst schnell einen historischen Nazi-Vergleich konstruiert. Sein Kommentar lautete: „Die letzten, die in Deutschland mit Vornamen diskriminiert haben, waren die Nazis.

Man kann soziale Medien natürlich so nutzen. Man kann aber auch vorher überlegen, ob wirklich jede politische Auseinandersetzung zwingend mit einem Nazi-Vergleich beendet werden muss.

Polenz’ besonderes Talent scheint jedenfalls darin zu bestehen, selbst aus überschaubaren politischen Sachverhalten eine moralische Großkampflage zu machen. Twitter beziehungsweise X wird dadurch weniger zum Ort des Austauschs als zur persönlichen Dauerbühne für politische Empörung.

Und genau dieser Mann soll nun jungen Menschen den demokratischen Diskurs vermitteln.

Das ist ungefähr so, als würde man einem notorischen Falschparker den Verkehrserziehungsorden verleihen, weil er besonders engagiert über Verkehrsregeln twittert.

Vielleicht liegt darin aber auch die eigentliche Pointe dieser Auszeichnung: Ruprecht Polenz hat bewiesen, dass man in den sozialen Medien selbst dann eine erstaunliche Reichweite erzielen kann, wenn die eigene Argumentation regelmäßig hinter der eigenen Empörung zurückbleibt.

Das Bundesverdienstkreuz ist zweifellos eine bedeutende staatliche Auszeichnung. Was seine Verleihung an Polenz betrifft, dürfte allerdings insbesondere dessen Tätigkeit auf X für Gesprächsstoff sorgen.

Denn wenn ein Politiker nach Jahrzehnten im politischen Betrieb ausgerechnet durch seine Social-Media-Auftritte als „Vermittler zwischen den Generationen“ gewürdigt wird, darf man sich schon fragen, ob hier tatsächlich ein Meister des demokratischen Diskurses ausgezeichnet wird – oder einfach der erfolgreichste Dauernutzer des digitalen Fettnäpfchens.

Ruprecht Polenz hat auf X jedenfalls eines eindrucksvoll bewiesen:

Man kann sehr viele Follower haben und trotzdem nicht jede Gelegenheit verpassen, sich mit dem nächsten Beitrag selbst ein Bein zu stellen.

Ruprecht Polenz: Bundesverdienstkreuz für den digitalen Fettnäpfchen-KönigRuprecht Polenz: Bundesverdienstkreuz für den digitalen Fettnäpfchen-König